Berühmte Schriftsteller: Leo Tolstoi oder Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828 bis 1910)

Leo Tolstoi , Gemälde von Ilja J. Repin 1887, wikipedia.org

In der russischen Literatur gibt es keinen ruhmreicheren Namen als  Alexander Puschkin  und Leo Tolstoj (dtsch: Tolstoi): Die Dichtung des einen und die Prosa des anderen sind unvergleichlich. Beide sind von jenem Unerklärlichen geprägt, was sich jeder Definition entzieht: dem Genie.


Man mag über Vorzüge und Mängel der Verse Puschkins, des Stils Tolstois streiten, doch man braucht nur eine Seite, irgendeine von Kindheit, von Krieg und Frieden oder Anna Karenina zu lesen, und unwiderstehlich wird man von der plastischen Schönheit des Ausdrucks, vom Rhythmus, von den Bildern – von dem ganzen Wert als Kunstwerk – gefangen.  Denn vor allem anderen ist Leo Tolstoi ein Künstler, ein Künstler freilich, der gern Denker gewesen wäre.

In ihm lebt ein Widerspruch, eine Dualität. Puschkin rief in einem berühmten Zweizeiler aus:  „Der Betrug, der uns erhebt, ist kostbarer als die Dunkelheit gemeiner Wahrheit“.

Leo Tolstoi, der Künstler, erhebt uns und verwandelt die „gemeine Wahrheit“: doch Leo Tolstoi , der Mensch, kennt nichts Abscheulicheres als den Betrug, die Lüge, welche Gründe sie auch haben mögen. Er widmet sich der Aufgabe, die Lügen des Lebens, der Wissenschaft, der Kunst und selbst – wie er glaubt – die der Religion zu demaskieren.  Aus der Dualität ergibt sich seine Widersprüchlichkeit, aber auch die Fülle, in der ein jeder von uns sich in seinem Werk wiederfindet, da keiner von uns ein „einzelner“ und „einfacher“ Mensch ist, da vielmehr in jedem von uns zugleich der Agierende und der Zuschauende lebt.

Ohne Umschweife macht sich Leo Tolstoi daran, uns die gewöhnlichsten Dinge in ihrer alltäglichsten Form zu erzählen und läßt dabei fast nichts aus ; und wir fragen uns, ob er jemals aufhören werde, diesem Strom des Lebens zu folgen, der selbst niemals aufhört. Und dennoch empfinden wir nicht die mindeste Langweile, und es gelingt uns nicht, uns von diesen Seiten loszureißen, die uns erzählen, was wir selbst schon Hunderte on Malen beobachtet haben.

Leo Tolstoi nennt die Dinge beim Namen

Leo Tolstoi scheint uns zum Epos zurückzuführen, von dem man allgemein glaubt, es habe seine Zeit hinter sich und mittlerweile seine ursprüngliche  Sponanität verloren. Leo Tolstoi  nennt die Dinge mit einem fast kindlichen Freimut beim Namen. Sein Realismus geht so weit, daß er aufzählt, was ein Mensch auszieht, um zu baden (Die Kosaken). Er scheut sich nicht, den übelkeiterregenden Geruch zu vermerken, den die schlafenden Wächter verbreiten (Polikuschka).  Er verhelt uns nicht einen einzigen jener kleinlichen oder sogar unsauberen Gedanken, die auch dem tugendhaftesten Menschen in gewissen Augenblicken des Lebens durch den Kopf gehen.

Dieser Kult mit den Einzelheiten, selbst den ganz und gar nicht „idealistischen“ , diese Form des Realismus haben ihren Grund ausschließlich darin, daß Leo Tolstoi sehr bald die Grenzen der Literatur erkannte.

Es scheint mir unmöglich, einen Menschen wirklich zu beschreiben. Man kann die Wirkung beschreiben, die er auf einen ausübt. Man kann sagen: er ist originell, gut, klug, dumm, logisch usw. Worte, die kein Porträt von der Person zeichnen, sondern vorgeben, die Konturen zu umreißen; in Wirklichkeit verleiten sie sehr häufig zu Irrtümern“. 

Dostowjewskij lädt uns ein, seine Personen zu betrachten, zu untersuchen, sie zu psychoanalysieren, ihr Gehirn zu sezieren;  Leo Tolstoi bringt uns dazu, zu ihnen hinzugehen , und kein anderer Schriftsteller versteht es so gut, uns zu veranlassen, mit ihnen zu leben, als ob sie wirklich anwesend wären.

Doch Leo Tolstoi ist nicht nur der unvergleichliche Maler des Lebens, sondern auch der des Todes und des Entsetzens, der physischen und psychischen Angst des Nichtseins. Hat er nicht mehr als jeder andere die Fülle des Lebens empfunden und uns dazu gebracht, sie ihm nachzufühlen?


Werke von Leo Tolstoi :

  • Kindheit (1852)
  • Der Überfall (1853)
  • Knabenalter (1854)
  • Der Holzschlag (1855)
  • Sewastopol (1855/56)
  • Der Schneesturm (1856)
  • Der Morgen eines Gutsbesitzers (1856)
  • Luzern (1857)
  • Jünglingsjahre (1857)
  • Drei Tode (1859)
  • Familienglück (1859)[7]
  • Polikuschka (1861)
  • Die Kosaken (1863)
  • Krieg und Frieden (Urfassung) (1867)
  • Krieg und Frieden (1869)
  • Der Gefangene im Kaukasus (1872)
  • Anna Karenina (1877)
  • Ivan der Narr und seine Brüder (1880)
  • Kritik der dogmatischen Religion (1881)
  • Wovon die Menschen leben (1881)
  • Meine Beichte (1882) (Auszüge online als PDF)
  • Übersetzung der vier Evangelien (1883)
  • Worin mein Glaube besteht (1883)
  • Der Leinwandmesser (1863/1886)
  • Die beiden Alten (1885)
  • Wieviel Erde braucht der Mensch? (1885)
  • Wo Liebe ist, da ist auch Gott (1885)
  • Der Tod des Iwan Iljitsch (1886)
  • Die Macht der Finsternis (1886)
  • Volkserzählungen (1881–1886)
  • Russische Bauern (1887)
  • Über das Leben (1887)
  • Der Teufel (1889)
  • Die Kreutzersonate (1891)
  • Das Himmelreich in euch (1894)
  • Grausame Vergnügungen (1895)
  • Herr und Knecht (1895)
  • Was ist Kunst? (1898)
  • Auferstehung (1899)
  • Vater Sergius (1899)
  • Patriotismus und Regierung (1900)
  • Was ist Geld? (1901)
  • Über Erziehung und Bildung (1902)
  • Was ist Religion ? (1902)
  • Krieg und Revolution (1904)
  • Für alle Tage (1904)
  • Der gefälschte Coupon (1904)
  • Das große Verbrechen (1905)
  • Das Ende eines Zeitalters (Die bevorstehende Umwälzung) (1906)
  • Hadschi Murat (postum 1912)
  • Der lebende Leichnam (postum 1913)
  • Legenden (postum 1925)
  • Rede gegen den Krieg (1983)
  • Und das Licht erscheint in der Finsternis (Drama unvollendet)

 

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